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(Morgen-)Dämmerung

Er saß in seinem Büro, ein Kaffee neben sich – schon kalt – und öffnete seine Post. Einen Brief nach dem anderen. Er starrte auf die Zahlen, die mit jedem Brief höher wurden – exponentiell zu den Zahlen stieg seine Verzweiflung. Schließlich war nur noch ein ungeöffneter Umschlag übrig. Er starrte ihn an. Öffnen oder nicht öffnen? Es war sowieso egal, sagte er sich. Es ist zu Ende – Schluss – Aus. Also öffnen.

Er las, traute seinen Augen nicht, las ein zweites Mal, ein drittes. Ein Projekt – eine Riesen-Produktion. Eine Folge von Filmen mit großen Stars und vielen Sternchen, Statisten. Der Brief-Verfasser wollte sein Kino als Plattform – und er bot Summen als Einstieg und eine Gewinnbeteiligung, sobald das Projekt angelaufen wäre, die ihn schwindelig machten. Sollte das seine Rettung sein? Ein Geschenk des Himmels, obwohl er überhaupt nicht gläubig war?

Wozu nachdenken – die Wahl war der Bankrott und damit alles zu verlieren – oder diesen letzten Strohhalm zu greifen – sich das Angebot wenigstens anzuhören.
Er trank abwesend den kalten Kaffee, hielt einen Moment inne und wählte dann entschlossen die angegebene Nummer.

Das Projekt war schon angelaufen, erfuhr er. Die ersten Folgen seien schon gedreht. Daher die Eile. Das Marketing-Konzept stünde bereits. Wenn er zusagte, könne es sofort losgehen – aus seinem Kino-Komplex würde ein Event-Palast der Superlative. Er müsse sich nur schnell entscheiden. Es sei SEINE Chance.

Kurz wurde ihm schwarz vor Augen. Eine feine Stimme in ihm wollte seine Aufmerksamkeit. Er brachte sie zum Schweigen und hörte sich ein lautes „JA!“ in den Hörer sagen.

Man hatte ihm Ausschnitte aus den ersten Reality-Show-Episoden gezeigt – spannend, bunt – ganz der Zeitgeschmack. Das gefiel ihm – die feine Stimme in seinem Inneren drang nicht mehr durch.

Was nun begann, hätte er sich nie träumen lassen. Das Marketing der Produktionsfirma war unglaublich. Menschenmassen strömten ins Kino – aus der ganzen Stadt und darüber hinaus.

Schnell avancierte das Joint -Venture zwischen Event-Palast und Film-Industrie zum Vorzeigeprojekt. Menschen fanden Arbeit am Set als Schauspieler, als Komparsen, Statisten, in den Kamerateams, der eigens für die Mitarbeiter eingerichteten Mensa – es war für jeden etwas dabei, der nur dabei sein wollte. … und es wollten viele.

Die ersten Wochen war er wie im Rausch – er arbeitete, organisierte, genoss die Freiheit seines überquellenden Bankkontos – es schien wie im Märchen zu sein – Phönix aus der Asche.

Und die Filme waren wirklich grandios. Auf eine Weise, die er nicht verstand, brachte es der Regisseur fertig, die Zuschauer so in den Bann der Leinwand zu ziehen, dass sie das Gefühl hatten, selber mitten im Geschehen zu sein. So intensiv, dass sich die Grenzen zwischen dem eigenen Sein und dem Filmgeschehen aufzulösen schienen.

Anfangs faszinierte ihn diese Art von „Kino“, die so ganz anders war. Er genoss dieses Eintauchen in eine völlig andere Welt.

Bis ihm auffiel, dass sich etwas veränderte. Seine Sekretärin redete immer öfter in Sätzen, die ihm gleichermaßen unbekannt und bekannt vorkamen. Unbekannt aus ihrem Munde – bekannt aus den Reality-Shows. Es passierte ihm immer häufiger, sogar auf der Straße schnappte er Redewendungen aus den Filmen auf. Modelabels mit „must haves“, die nach den Schnittmustern der Projekt-Schneiderin gefertigt wurden, schossen wie Pilze aus dem Boden.

„Wir werden Kult!“, schwärmte die Produktionsleiterin.
 Ja – dachte er. Und da war sie wieder – die feine Stimme, die er während des Telefonates, mit dem alles begonnen hatte, zum Schweigen gebracht hatte.

„Wir haben jetzt einen Life-Stream über die Stadtgrenzen hinaus – damit jeder auch zu Hause in unsere Welt eintauchen kann!“ schwärmte die Produktionsleiterin beim nächsten Treffen.

‚Was zur Hölle ist hier los?‘, fragte er sich immer öfter.  Es schien wie eine Seuche zu sein, ansteckend, wie ein Sog, der fast unmerklich alle ergriffen hatte.

Kurz vor Feierabend – er hörte seine Sekretärin am Telefon von ihrem letzten Date erzählen.
 ‚Oh mein Gott‘, dachte er verzweifelt, ‚es klingt, als hätte sie das „Rezept“ aus der vorletzten Episode kopiert.‘
Panik ergriff ihn. Er musste hier raus. Hastig griff er nach seinem Mantel und verließ fluchtartig das Gebäude.

Er ging, schneller, schneller, kam ins Laufen – überall schien der Realty-TV-Lifestream zu ertönen – selbst an der Dönerbude vier Straßen weiter, am Pommes-Stand im Park.

Er rannte, rannte, rannte … Er kannte die Straßen nicht mehr, die Gegend war ihm völlig unbekannt – er rannte weiter, weiter, nur weg – es kam ihm vor wie die Hölle – so musste sie sich anfühlen, wenn es eine gäbe.

Wie lange er gelaufen war, hätte er nicht sagen können – er war außer Atem, seine Füße schmerzten, er fühlte sich verschwitzt und wie zerschlagen. Er hatte keine Ahnung, wo er sich befand.  

Dann sah er Licht, Musik erklang – leise und beruhigend.  Eine Tür ging auf – sie schien in eine Bar zu führen. Zögernd trat er ein, sah sich um – es wurde still – viele Augenpaare sahen ihn an.

In dem Moment wurde ihm bewusst, was für einen Anblick er bieten musste. Er zögerte … Eine warme, tiefe Stimme ertönte: „Willkommen! Treten Sie ein! Sie sehen aus, als könnten Sie einen heißen Tee vertragen?“
Er setzte sich an den nächsten freien Tisch und nickte. Die Menschen im Raum wandten sich wieder ihren Gesprächen zu.

Die Wirtin brachte seinen Tee. Es war alles so unwirklich – aber der Tee, der war definitiv echt, schoss ihm durch den Kopf, als er sich die Hände am Becher wärmte.
Er saß einfach da – mehr war ihm nicht möglich, mehr wollte er auch nicht. Einfach nichts tun, nichts denken, nur ganz „menschliche“ Menschen um sich haben, die nicht nach „Kult“ aussahen und auch nicht so redeten.
Irgendwann brachte die Wirtin einen neuen Tee und setzte sich neben ihn. „Darf ich?“.
„Ja.“ Schweigen.

„Sie sehen so aus, als hätte Sie der Teufel gejagt …“, scherzte sie. „So ähnlich!“, mehr fiel ihm gerade nicht ein.
„Darf ich fragen, was es für ein Teufel war?“
„Ich glaube, es war mein eigener … . Überall dieselben Sätze, überall Menschen in Verkleidung, überall derselbe Film auf allen Bildschirmen – ich hab es nicht mehr ausgehalten, vielleicht bin ich verrückt geworden?“

„Sie meinen diesen neuen Kult? Sind Sie davor geflüchtet?“
„Woher wissen Sie …?“
„Weil Sie nicht der erste sind – vermutlich auch nicht der letzte sein werden“, sie lächelte verschmitzt. „In letzter Zeit sind viele Menschen hier hereingestolpert – zugegeben nicht alle so derangiert wie Sie! … und NEIN, Sie sind nicht verrückt“
„Hier ist es schön! … es fühlt sich so lebendig an – anders als eine Leinwand, auf der sich Leben und Fiktion vermischt.“

„Ja – hier ist es schön, ich mag es lebendig. Trotz allem ist es MEINE Lebendigkeit – für alle anderen ist es „nur“ ein offener Raum, um zur Ruhe zu kommen und ihre ur-eigene Lebendigkeit für sich selber zu finden.“

Er schaut auf seinen Tee. Ganz leise murmelt er: „Ich bin der Besitzer vom Event-Palast. Ich habe dazu beigetragen, dass diese irrwitzige Welt da draußen entstanden ist.“ Er hielt einen Moment inne. „Ich sollte nicht einfach weglaufen!“
„Vielleicht nicht, vielleicht doch? Vielleicht kommt es darauf an, was Sie wirklich und wahrhaftig wollen?“
„Ich weiß es nicht …“, Verzweiflung lag in seiner Stimme.
„Sie werden es herausfinden – vielleicht nicht heute, nicht morgen – aber was, wenn Zeit keine Rolle spielte?“
Der Tee war nur noch lauwarm – aber er tat gut.

„Darf ich Ihnen noch eine Frage stellen?“
Er nickte.
„Was wäre diese „Event-Palast-Welt“ ohne Sie? Würde sie zusammenbrechen?“
Er dachte einen Moment nach. „Nein, vermutlich nicht. Sie würden einen anderen an meine Stelle setzen – vielleicht würde es nicht einmal jemand bemerken …“

Da war sie wieder, die kleine, feine Stimme – in diesem Moment war ihm klar, er wünschte sich nichts sehnlicher, als sich mit ihr zu unterhalten. Er wollte endlich erfahren, was sie ihm schon so lange sagen wollte. Aber nicht jetzt, jetzt war er müde, einfach nur müde. Es tat gut zu wissen, dass sie nicht verstummt war – und er konnte spüren, dass sie auf ihn warten würde.

 „Kommen Sie – oben habe ich Zimmer, Sie können heute Nacht hierbleiben. Zur Ruhe kommen“ , unterbrach sie mit ihrer warmen Stimme seine Gedanken.

Wie ein Stein fiel er ins Bett – was wäre, wenn jeder selber entscheiden dürfte, wie er leben möchte? Damit fiel er in tiefen, traumlosen Schlaf.

Was, wenn Zeit keine Rolle spielte …  

© Antje Renz

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