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Wie schön, dass ich sein darf, wie ich bin …

Eine wundersame Begegnung
 
Der Schmetterling sonnt sich auf einer bunten Blüte, breitet seine Flügel aus und genießt die Wärme und den Duft um sich herum. Plötzlich wird es schattig über ihm und er sieht, wie sich ein riesiges Wesen mit noch riesigeren Schwingen nähert, geradezu auf sein Sonnenplätzchen zusteuert. Die Blumen biegen sich in dem Wind, den dieses Wesen verursacht und fast wäre er von der Blüte gefallen …
 
Da sitzt es nun – dieses riesige, schwarze Etwas, gelandet, seine Flügel einklappend und sich neugierig und gleichzeitig wachsam umschauend …
Der Schmetterling – nachdem er sich von seinem ersten Schreck erholt und wieder festen Halt auf der Blüte gefunden hat – schaut ebenfalls neugierig zu dem Riesen. Solch einen Schmetterling hatte er noch nie gesehen. Schwarz, glänzend … . Und sooooooo groß!
 
„Wer bist Du?“, fragt er vorsichtig. „Bist Du auch ein Schmetterling?“
Das Wesen schaut sich um – woher kam diese kleine Piepsstimme? „Hast Du gerade gesprochen?“ Der erstaunte Blick des Wesens richtet sich auf den kleinen Schmetterling.
„Ja, wer bist Du?“
„Ich bin ein Adler!“ Seine Stimme klingt ebenso mächtig, wie sein Aussehen es vermuten ließ.
Ein wenig erschrickt der Schmetterling. „Du hast nicht zufällig Hunger und frisst mich?“ Dann gluckst er und gibt sich die Antwort selber: „ Nein, wahrscheinlich nicht, wie solltest Du von mir satt werden???“
 
„Wer bist denn Du?“ will der Adler wissen. „Solch ein kleines, buntes Wesen habe ich noch nie gesehen. Du bist wirklich wunderschön!“
„Ich bin ein Schmetterling“, kommt die prompte Antwort. Bei seinen Worten breitet er seine Flügel aus und flattert, um dem Adler seine ganze Schönheit zu zeigen, ein wenig hin und her.
 
„Oh – wie herrlich bunt Du bist … . Aber sag, mit Deinen kleinen Flügeln kommst Du nicht besonders weit, oder? Kannst Du damit in die Lüfte steigen?“
Etwas bedauernd betrachtet der Adler den kleinen, bunten Flatterling – oder was hatte er gleich gesagt, wie er hieß?
„Nein – ich fliege nicht weit, ich fliege hier auf der Wiese herum.“
„Ach Du Armer … Dann kennst Du nur dieses Fleckchen und weißt gar nichts von der großen Welt?“
„Was ist „die Welt“? Erzähl mir davon – BITTE!“
 
Der Adler schaut verträumt in den Himmel und beginnt von seinen Streifzügen zu erzählen, von Bergen und Tälern, von Wasserfällen und Flüssen, von Sonne, Regen, von Stürmen und Schnee. Von seinem Zuhause in den Höhen der Berge. Vom Schweben in unglaublichen Höhen – der Sonne nahe – und von Sturzflügen zum Boden zurück.
Der kleine Schmetterling lauscht andächtig. Was für ein Leben musste das sein … so frei, so erhaben … Für einen Moment kommt ihm der Gedanke, er hätte auch gerne sooooo große Flügel …
Der Adler, als könne er Gedanken lesen, ergänzt nachdenklich: „Ja – mein Leben ist frei – ich fliege zur Sonne und weit über die Lande, aber manchmal wünschte ich mir, ich wäre klein und könnte mich irgendwo verkriechen vor der Wildheit der Erde. Manchmal wünschte ich mir, dass nicht alle Angst vor mir hätten.“
Er macht eine kleine Pause und sieht den kleinen Flatterer an. „Noch nie hat mich jemand gefragt, wie ich lebe.“ Und setzt leise hinzu: „Das ist schön!“
 
Der Adler schüttelt sich ein wenig, richtet sich wieder zu seiner ganzen Größe auf. „Und wie lebst Du?“
 
So beginnt der Schmetterling, von Blumen, von Düften, von Farben, vom Gesumme auf der Wiese zu erzählen. Beim Erzählen wird ihm bewusst, wie wunderschön sein Leben eigentlich ist und die Farben seiner Worte werden immer schillernder.
Der Adler schließt die Augen, wiegt sich beim Zuhören sanft hin- und her. „Oh ja – das klingt wundervoll!“ Nun ist es an dem Adler, den Kleinen fast ein wenig zu beneiden.
„Aber auch ich muss mich verkriechen, wenn Regen und Wind kommen“, fährt der Schmetterling leise fort, „wenn Vögel oder große Brummseln kommen, droht ständig Gefahr – und ich habe noch nie Schnee gesehen, weil ich schon in der Kälte nach dem Sommer sterbe.“
Er schaut den großen Adler treuherzig an. „Vor mir hat niemand Angst und ich passe immer gut auf, dass mir niemand begegnet, der mich fressen will!“
 
Der Adler lächelt verständnisvoll. „Danke, dass Du mir von Deiner Welt erzählt hast! Sie scheint wunderschön zu sein – und ich weiß jetzt meine Welt noch ein bisschen mehr zu schätzen.“
Der Schmetterling lächelt zurück: „Danke für die Einblicke in Deine Welt.“ Nach einer kleinen Pause ergänzt er: „Und ich mag meine Wiese! Sie scheint mir jetzt auch ein wenig bunter als zuvor!“
 
Einen Moment sitzen beide schweigend zusammen.
 
„Wie schön, Dich getroffen zu haben!“ Der Adler deutet eine kleine Verbeugung an. „Ich werde jetzt weiterfliegen – ich habe Hunger.“ Er zwinkert. „Keine Angst, ich fress’ nicht Dich! Erstens bist Du zu klein und zweitens bist Du ja jetzt mein Freund!“
 
Sie schauen sich an. „Guten Flug!“, entgegnet der Schmetterling. „Wie schön, einen Adler zum Freund zu haben!“
 
„Halt Dich gut fest, damit der Wind meiner Schwingen Dich nicht fortträgt!“ Damit breitet der Adler die Flügel aus und hebt sanft ab.
 
Der Schmetterling schaut seinem majestätischen neuen Freund nach und flattert fröhlich weiter zur nächsten Blume, genießt den Duft in vollen Zügen. Dabei denkt er glücklich: „Wie spannend, vom Leben des Adlers zu wissen – wie schön, dass ich ein Schmetterling sein darf!“
 

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